Digitalisierung: Information, Routine & Mensch.

Was bedeutet das mit dieser Digitalisierung? Mache ich jetzt einfach alles am Computer oder am Smartphone? Und was ist dann ‚digitale Revolution‘ oder was ist ‚digitale Transformation‘? Ich vermute: Das sind alles Begriffe, unter denen unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gründen unterschiedliche Dinge verstehen. Was genau vor meinem inneren geistigen Auge abläuft, wenn Menschen über Digitalisierung sprechen, hängt davon ab, in welchem Umfeld und in welcher Branche ich mich bewege. Als Arzt denke ich an ein Diktiergerät für Arztbriefe, als Taxifahrer an Uber, als Steuerberater an ELSTER, als Student an Online-Universitäten wie Coursera, als Produktionsmitarbeiter an 3D-Drucker, als Verkäufer für Kühlschränke an ‚Internet of Things‘. Anhand meines Umfelds entscheide ich darüber, wie ich diese neue digitale Welt sehe und definiere und welche eigene, persönliche Realität ich damit hinter ein Buzzword wie ‚digitale Revolution‘ packe.

Hier kommt eine subjektive Gedankensammlung zum Thema Digitalisierung, in der Hoffnung, dass ich bei Dir, lieber Leser, Impulse setze und Deine Kreativität anrege.

die Befreiung der Informationen

Ich kopiere und verschicke jetzt Informationen ohne Materialeinsatz und ohne Qualitätsverlust. Die totale Befreiung der Informationen. Es ist schwieriger geworden, Wissen geheim zu halten und sich dadurch einen Vorteil zu sichern. Auf meinem Wissensvorsprung kann ich mich heute nicht mehr so bequem ausruhen. Viele Daten, kopiert und verteilt, führen zu einem Informationsüberangebot. Jeder sendet seine Botschaft über möglichst viele Kanäle. Es fällt immer schwieriger, den Überblick zu behalten, Informationen zu priorisieren und deren Richtigkeit zu bewerten.

Die generelle Unsicherheit darüber, ob eine Information richtig ist, führt zu einer Stärkung des Influencertums und des Expertentums. Eine Person tritt als authentische Marke auf und ich schenke ihr mein Vertrauen, weil ich ansonsten umgeben bin von wildem Datendickicht. Digitalisierung führt zu einem stärkeren Fokus auf echte, authentische, glaubwürdige Menschen mit echten Meinungen und mit bestechender Persönlichkeit. Haben die Ansichten eines Influencers somit mehr Gewicht als die Meinungen anderer Menschen? Ist ein Influencer ein Meinungsbildner – also jemand, der Meinungen bildet? Oder wird derjenige zum Influencer, der die Meinung der größtmöglichen Zahl an Menschen wiederspiegelt und somit auf Meinungs-Trends aufspringt? Ich glaube Ersteres. Ich glaube daran, dass die heutigen Influencer-Popstars mit Ihren Ansichten Meinungen schaffen und unsere Realität prägen und in der Summe aller Einflüsse die Realität unserer eigenen Filter-Blubble definieren und erschaffen. Provokant ausgedrückt: Die Meinungsbildner, mit denen wir uns umgeben, erschaffen unsere subjektive Realität.

Es scheint fast, als gäbe es keine absolute Wahrheit, sondern einen wilden Mix aus unterschiedlichen Meinungen, Ansichten, Sichtweisen unterschiedlicher Menschen.

der Tot der Routine

„Für alles was ich mehr als zweimal mache, schreibe ich ein Computerprogramm.“ Wie wäre es, wenn alle Routineaufgaben, die im Job und zuhause anfallen, von kleinen Programmen und von Robotern erledigt werden? Ist das unsere Zukunft? Möglicherweise greifen wir Menschen nur noch dann ein, wenn etwas schiefläuft oder wenn ein neuer Prozess erschaffen wird.

Geistig anspruchslose Routinearbeiten werden immer mehr von digitalen Helfern übernommen – insbesondere, wenn diese heute schon am Computer durchgeführt werden. Ist das gut oder schlecht? Sind langweilige Routineaufgaben nicht eigentlich menschenunwürdig, weil es nicht der menschlichen Natur entspricht, immer wieder das gleiche zu tun, ohne einen Fehler machen zu dürfen? Sind wir nicht kreative und soziale Wesen, die aufblühen, wenn sie Innovationen erträumen, mit anderen Menschen kommunizieren, gemeinsam neue Welten erschaffen und geistige Rätsel und Herausforderungen meistern? Sie ahnen es: Nicht alle Menschen sind so. „Wäre es nicht super, wenn Deine Routinetätigkeiten automatisch passieren würden und wenn Du stattdessen mehr Zeit für andere Aufgaben hättest?“ Das habe ich eine Angestellte gefragt. Die Antwort war aus meiner subjektiven Sicht erstaunlich: „Nein, ich mach das gerne. Das ist eine schöne, entspannte Abwechslung zu anstrengenden Denkaufgaben oder Kundengesprächen.“ Notiz an mich: 1. Nicht alle Menschen ticken gleich und 2. Kopfarbeit ist anstrengend. Wenn das Hirn denkt, verbraucht es eine Menge Energie. Bei 2% der Körper-Masse verbraucht es 20% der Körper-Energie (chirurgie-portal.de).

Menschen haben von Zeit zu Zeit Sehnsucht nach geistig anspruchsloser Routine und diese Sehnsucht wird definitiv durch Digitalisierung bedroht.

die Neugeburt der Menschlichkeit

Wir diskutieren das Thema Digitalisierung viel zu kompliziert. Eigentlich ist es ganz einfach: Alles was der Computer besser kann als der Mensch, das macht der Computer und alles was der Mensch besser kann, das macht der Mensch. Klassische Arbeitsteilung. Wie oben beschrieben sind z.B. Routinen mit Arbeitsschritten, die sich wiederholen eher was für Computer. Kreative Ideen, empathische Gespräche, Interaktion zwischen Menschen – hier ist immer der Mensch im Vorteil. Nehmen uns Algorithmen, Computern und Maschinen genau die Arbeit weg, die ehrlich gesagt keiner machen möchte, weil sie nicht menschengerecht bzw. unmenschlich ist? Definieren wir Menschlichkeit jetzt als das, was der Computer nicht zustande bringt?

Das Fantastische ist: Wir können uns die Antwort auf diese Frage selbst aussuchen. Digitalisierung ist nicht etwas, was über uns unaufhaltsam und unkontrollierbar hinwegfegt. Wir haben jederzeit die Möglichkeit zu entscheiden und zu gestalten was die Zukunft bringt. Dazu ist es notwendig, dass wir aus unseren Firmen, Branchen, Szene-Silos ausbrechen und mit anderen in Kommunikation treten. Jeder Einzelne kann ein kleiner Influencer sein und seine Ideen nach vorne tragen und zur Diskussion stellen. Nur Mut! Ich finde, gestaltend einzugreifen, unsere Zukunft aktiv in die Hand zu nehmen, bewusst zu entscheiden, wie unsere Zukunft aussieht, das ist wirklich menschlich.