Ein Hauch von Wirkung.

Ein Hauch von Betrug und Schummlerei schwingt oft in der Bewertung mit, wenn ich mich mit Menschen über Pharmazeutika unterhalte, die keinen einzelnen, echten tollen niedermolekularen Wirkstoff haben. Bei Naturheilmitteln, die aus einer Vielzahl an geheimnisvollen Stoffen bestehen, kommt Skepsis auf. Da weiß ich ja nicht, wie und ob das wirklich wirkt.

Ich selbst fühle mich schließlich auch wohler dabei, zu wissen, wie ein Medikament genau wirkt. Welches Wirkstoff-Molekül bindet im Substanz-Dschungel der Zelle an welches Protein und was genau macht dieses Protein dann? Welche biochemischen Abläufe sorgen dafür, dass mein Medikament erfolgreich ist und wirkt? Ich fühle mich wohl, wenn das alles glasklar und nachvollziehbar ist bzw. wenn ich jemandem vertrauen kann, der mir versichert, dass alles wissenschaftlich sorgfältig geprüft und belegt ist: Also zum Beispiel der verordnende Arzt bzw. der jeweilige Apothekenmitarbeiter meines Vertrauens.

Bei Naturheilmitteln versteht man oft nicht ganz genau, welche der vielen Bestandteile für die Wirkung verantwortlich sind. In so einem grünen Planzenextrakt zum Beispiel, schwimmen tausende von Molekülen herum. Diese Stoffe haben stark unterschiedliche Konzentrationen und stark unterschiedliche Bioaktivitäten. Es kann durchaus sein, dass ein besonders bioaktiver Stoff in so geringer Konzentration vorkommt, dass man ihn nur mit größter Mühe über mehrere Stockwerke hohe Säulen aus dem Stoffgemisch abtrennen und anschließend detektieren kann. Und trotzdem kann genau dieser Stoff ein wesentlicher Pfeiler der Wirksamkeit dieses Extrakts sein. 

Tatsächlich sorgen in der Summe viele verschiedene Wirkstoffe gemeinsam für das gewünschte Wirkungsprofil. Selbst bei klassischen Medikamenten, wie Aspirin, die nur eine einzelne aktive Substanz enthalten, wird die Wirkung (und die Nebenwirkungen) häufig durch die Bindung der Substanz an eine Vielzahl verschiedener Bindungspartner (Targets) im Körper hervorgerufen. Dazu kommt, dass auch noch jeder Körper anders ist und unterschiedliche Konzentrationen der jeweiligen Targets in sich trägt und der Wirkstoff auch von jedem Mensch anders abgebaut wird, also unterschiedlich schnell seine Wirkung verliert. Fazit: Es ist kompliziert.

Also so richtig präzise, zu 100% kann kein Arzt oder Apotheker oder sonst wer sagen, wie, warum und ob ein Präparat wirklich wirken wird.

Na toll.

Auch wenn ich mich sicherer fühle, wenn ich alles genau verstehe was da so an Interaktionen und Wechsel-, Haupt-, Nebenwirkungen passiert: Ist es nicht eigentlich zweitrangig, warum etwas funktioniert, so lange es auch tatsächlich klappt? 

So komplex die Interaktionen zwischen Wirkstoff und Körper sein mögen, so einfach kann ich es mir machen wenn ich sage: “Egal, hauptsache es geht mir besser.”

Mit dem Wissen wächst der Zweifel.

Johann Wolfgang von Goethe