Ist Fortbildung in der Apotheke noch sinnvoll, wenn Computer alles wissen?

Langweilige Schulung: Zwei Stunden lang Fakten, mehr oder weniger spannend vorgetragen. Ein vorsichtiger Blick auf die Uhr verrät, dass es noch 20 Minuten bis zur Pause dauert und Deine Gedanken fangen an abzuschweifen: Jetzt wo es überall Computer gibt, warum musst Du Dir so viele Fakten merken, die Du dann doch wieder vergisst? Wie war das nochmal? Wissen heißt wissen wo es steht? Solltest Du das mal brauchen, musst Du das sowieso nochmal nachschauen. Die Vergessenskurve ist schließlich gnadenlos!

Mir ging es im Chemie Studium so: Das war schon Bachelor Master – da wurde brav für Prüfungen und nicht fürs Leben gelernt. Alle waren schrecklich in Panik, dass wir die Prüfung nicht schaffen. Wir haben uns ziemlich darüber aufgeregt, wie verschult alles ist und dass wir sinnlos Wissen in uns reinschaufeln, um es nach der Prüfung wieder zu vergessen. Uns war nicht klar, was das bringen soll.

Manche Dinge versteht man erst im Nachhinein. Je länger ich immer wieder neue Formeln und absurde Reaktionsgleichungen auswendig gelernt und anschließend nach der Prüfung wieder vergessen habe, desto besser konnte ich mich in neue Probleme ‚hineinfühlen‘. Denn: Im Loop von lernen, vergessen, lernen, vergessen, lernen, vergessen trainieren wir trotzdem unsere Intuition. Auch wenn wir uns nicht bewusst an jedes Detail erinnern können, wachsen in unserem Hirn Verbindungen, die uns immer mehr zu Supercomputern für unser Fachgebiet machen (Neuroplastizität). Das sollten wir uns immer mal wieder klar machen. Unser Hirn ist ein echter Supercomputer, mit seinen ganz eigenen Stärken. Menschen entwickeln da etwas ganz zauberhaftes: Eine Intuition, ein Bauchgefühl, welches von den bisherigen Erfahrungen und Lerninhalten geprägt, geschliffen und perfektioniert worden ist. Hatten Sie schon mal den Fall, dass etwas logisch, rational, richtig schien aber sich irgendwie komisch angefühlt hat? Sie haben sich dann dagegen entschieden und lagen mit dieser Entscheidung goldrichtig? Meine Lieblingskollegin sagt immer: Jan, hör auf mein Bauchgefühl, das hat immer recht. Und was soll ich sagen. Das stimmt: Ihr Bauchgefühl HAT immer recht. 😊

Aber tatsächlich werden Computer laufend besser und über KI, künstliche neuronale Netze, Machine Learning, Deep Learning – inspiriert von der Art wie wir Menschen lernen, werden auch Computer aus Plastik und Schrauben immer schlauer.

Warum sich jetzt also die Mühe machen und sich fortbilden, wenn in 10 Jahren Computer viel schlauer sind als wir und eine viel bessere Beratungsleistung erbringen? Weil es nicht nur um die Inhalte geht, sondern auch um die Vertrauenswürdigkeit. Natürlich kann ich in 10 Jahren den Algorithmus fragen, welches Medikament das Beste für mich ist. Aber wer hat den Algorithmus geschrieben? Welche Unternehmen haben hier zu ihren eigenen Gunsten gesponsert oder manipuliert? Menschen haben eine Antenne dafür, wenn sie von anderen Menschen angelogen oder manipuliert werden. Deshalb vertrauen Menschen anderen Menschen. Ob ein Computer lügt – keine Ahnung? Aber wenn mich mein Partner, Kollege oder ein Verkäufer anschwindelt. Das merke ich schon eher. Zumindest kann ich einschätzen ob die Person vertrauenswürdig ist. Das sagt mir dann mein Bauchgefühl. 😊

Es geht also ums Vertrauen. Ich muss als Apotheken-Mitarbeiter der Zukunft immer noch meine Fakten auswendig wissen und meine über die Zeit ausgebildete Intuition haben, damit ich im Kundengespräch nicht die ganze Zeit auf dem Bildschirm schaue um etwas nachzulesen. Vertrauen und Glaubwürdigkeit passiert im direkten Gespräch zwischen Menschen.

Kunden Vertrauen Experten mehr als einem Algorithmus. Nicht umsonst gibt es einen Boom von Experten, Trendsettern, Influencern, denen die Menschen folgen und vertrauen, weil sie deren Werte teilen, auf Ihre Expertise vertrauen oder auch einfach nur Ihre Bilder auf Instagram gut finden.

Also: Warum Fortbildung?

  1. Wir trainieren damit unsere Intuitionwie einen Muskel.
  2. Weil Menschen anderen Menschen vertrauen, die sich glaubwürdig als Experte positionieren.